Sonntag, 25. Mai 2025

Emotionale Vollgas-Fahrerin – Leben mit ADHS und Gefühlsturbos

 

Es gibt Tage, da heule ich wegen eines Werbespots mit einem traurigen Hund. Oder weil jemand in einer Serie etwas Nettes sagt. Oder weil ich auf Instagram ein Video sehe, in dem ein Kind seinem Papa zum ersten Mal „Ich hab dich lieb“ sagt. Bäm. Tränen. Und zwar sofort, ohne Umweg, ohne Schleife – direkt durch ins Herz.

So ist das bei mir mit ADHS und Emotionen: Vollgas statt Tempomat.

ADHS – das Gehirn auf der Gefühlsturbobahn

Wissenschaftlich nennt sich das Ganze emotionale Dysregulation. Klingt ein bisschen wie ein defekter Thermostat – und ehrlich gesagt, fühlt es sich auch so an. Unser inneres Gefühlsbarometer springt oft blitzschnell von „alles super“ zu „Weltuntergang“, ohne dass man dazwischen gross was steuern kann.

Forschungen zeigen, dass viele Menschen mit ADHS, Emotionen intensiver und unmittelbarer erleben. Das liegt u.a. daran, dass das emotional regulierende Zentrum unseres Gehirns der präfrontale Kortex bei ADHS anders funktioniert. Der Filter, der bei anderen wie ein Puffer wirkt (Warte kurz, ist das wirklich so schlimm?), ist bei uns sagen wir mal im Urlaub.

Reaktionen im Express-Tempo

Ich reagiere schnell. Und deutlich. Ich kann bei Ungerechtigkeit nicht einfach „drüberstehen“. Ich spüre Enttäuschung wie einen Faustschlag. Und wenn ich mich freue – dann so richtig! Mit Glitzern in den Augen, Herzklopfen und einem inneren Feuerwerk. Gefühle sind bei mir keine leisen Hintergrundgeräusche, sondern ein Orchester in voller Lautstärke.

Es ist ein bisschen, als wäre ich ein Radio ohne Lautstärkeregler – immer voll aufgedreht. Nur dass ich nicht immer entscheiden kann, welcher Sender gerade läuft.

Emotionale Reaktionen verstecken? Schwieriger als das Handy finden

Ich bewundere ja Menschen, die in Konflikten ruhig bleiben, tief durchatmen und sachlich argumentieren. Mein ADHS-Gehirn dagegen feuert sofort: Herzklopfen, Tränen, Ärger, manchmal auch eine explosive Mischung aus allem.

Ich kann meine Gefühle nicht gut verstecken – und will es ehrlich gesagt auch gar nicht immer. Ich bin nun mal so. Und je mehr ich mich dafür verurteile, desto schlimmer wird’s. Also umarme ich inzwischen meine grosse Klappe, meine empfindliche Seele und meine glitzernden Tränen – sie gehören zu mir.

Was hilft (manchmal – nicht immer, aber immerhin):

  • Benennen, was los ist. Wenn ich sage: „Ich reagiere gerade über, weil mich das echt trifft“, schafft das Raum. Für mich. Und für mein Gegenüber.
  • Kurze Pause, tief durchatmen. Klingt abgedroschen – aber manchmal reicht eine kleine Unterbrechung, um nicht sofort aus der Haut zu fahren.
  • Darüber sprechen – nicht schämen. Gerade wir mit ADHS neigen dazu, uns für unser „Zu viel“ zu entschuldigen. Dabei ist das Gefühl an sich nicht falsch – es ist nur etwas… lauter.

Fazit:

Meine Emotionen sind manchmal stürmisch, übertrieben, ungebremst. Aber sie sind auch ehrlich, tief und leidenschaftlich. Ich weine schnell, ja – aber ich liebe auch schnell. Ich bin sofort entflammt – für Ideen, Menschen, Gerechtigkeit. ADHS macht mein Leben vielleicht chaotischer, aber auch bunter, gefühlvoller, echter.

Und wenn ich das nächste Mal bei einem Hundevideo heule oder wegen einer Kleinigkeit emotional werde? Dann weiss ich: Ich bin nicht zu sensibel. Ich bin einfach ich – mit ADHS, Herz und voller Gefühlskraft voraus.

ADHs und Emotionen

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