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Montag, 23. Juni 2025

Was, wenn…? – Wenn ADHS und Ängste gemeinsam Karussell fahren

 

Ich habe keine Angst vor Monstern unterm Bett.
Ich habe Angst vor Zecken. Und vor Flugzeugen. Und vor Autobahnen.
Ich habe Angst, dass meinen Hunden etwas passiert. Oder meinem Mann. Oder mir.
Ich habe Angst, etwas zu übersehen. Oder zu spät zu handeln. Oder zu früh in Panik zu geraten.

Ich bin Ich. Ich habe ADHS. Und ich habe Ängste.
Manchmal flüstern sie nur. Und manchmal schreien sie mir direkt ins Ohr.


Heute zum Beispiel.
Ich sitze auf dem Sofa, kraule einen meiner Hunde, und spüre plötzlich etwas an meinem Bein.
Ein Blick.
Eine Zecke.
Panik.
Der Film startet sofort: Borreliose, Spätfolgen, Klinik, Rollstuhl. Mein Mann entfernt sie ruhig und sagt: „Wahrscheinlich war sie noch gar nicht richtig drin.“
Ich nicke. Und rufe direkt den Arzt an. Man weiss ja nie.

Solche Situationen sind keine Seltenheit in meinem Alltag.
Ich habe Flugangst – nicht, weil ich Turbulenzen nicht aushalte, sondern weil mein Kopf innerhalb von Sekunden das komplette Absturzszenario durchspielt. Ich fahre ungern auf der Autobahn – nicht, weil ich kein Vertrauen zu meinem Mann habe, der fährt, sondern weil mir bei jeder Einfahrt Bilder von Unfällen durch den Kopf schiessen. Und wenn einer meiner Hunde nur ein kleines bisschen anders schaut als sonst, meldet sich mein innerer Alarm: „Irgendwas stimmt nicht!“


Was viele nicht wissen:
ADHS bringt nicht nur Chaos, Vergesslichkeit oder Impulsivität mit sich – sondern oft auch Ängste.
Viele von uns haben ein extrem feines Gespür für mögliche Gefahren. Wir sind reizoffen, schnell im Denken und ziemlich gut darin, Worst-Case-Szenarien zu entwerfen. (Hollywood würde uns wahrscheinlich engagieren, wenn wir sie aufschreiben würden.)
Das Ganze ist nicht einfach „Drama“ – es ist oft ein Schutzmechanismus. Nur leider einer, der uns manchmal mehr stresst als schützt.


Wie ich damit umgehe?
Manchmal gut. Manchmal gar nicht.
Manchmal hilft es, darüber zu reden – wie heute, mit meinem Mann.
Manchmal hilft es, Fakten zu checken: Wie lange muss eine Zecke eigentlich dran sein, damit etwas passiert?
Manchmal hilft Atmen. Bodenkontakt. Tee.
Manchmal hilft es, mich selbst daran zu erinnern, dass mein Kopf gerade einfach wieder im Katastrophenmodus unterwegs ist – und ich trotzdem nicht alles glauben muss, was er mir erzählt.

Ich habe gelernt, meine Ängste nicht mehr zu verstecken. Sie gehören zu mir. Sie meinen es gut. Sie wollen mich beschützen.
Aber sie übertreiben.
Und manchmal – da darf ich ihnen freundlich, aber bestimmt sagen: „Danke, dass du da bist. Ich übernehme jetzt wieder.“


Zum Schluss:
Ich stelle mir meine Angst oft wie eine schrille Beifahrerin vor.
Sie trägt einen grellorangen Sicherheitshelm, hat die Hände permanent am Notbremshebel und ruft bei jedem Strassenschild: „Pass auf! Gefahr!“
Und ja – manchmal hat sie recht.
Aber meistens… fahren wir einfach nur durch den Alltag. Und den will ich nicht ständig mit Sirene im Ohr erleben.

Deshalb übe ich. Jeden Tag ein bisschen.
Nicht angstfrei zu sein – sondern angstfreundlich.
Und mir zu erlauben, trotzdem zu leben.



Donnerstag, 29. Mai 2025

🎠 "Gedankenkarussell – bitte alle aussteigen, ich will schlafen!"

 Kennt ihr das?

Es ist spät. Ich liege im Bett. Die Hunde schnarchen schon selig, mein Mann atmet gleichmässig – und ich? Ich liege wach und denke. Denke und denke. Und dann denke ich noch ein bisschen mehr.

Nicht etwa an Schäfchen oder den Einkaufszettel für morgen. Nein. Ich denke an alles. Gleichzeitig. -
Die Steuererklärung von 2022.
Ob ich wohl irgendwann einen Kirschbaum pflanze.
Was ich der Nachbarin hätte wirklich sagen sollen.
Und plötzlich fällt mir ein, dass ich unbedingt ein neues Projekt starten sollte. Ein Buch schreiben vielleicht. Oder ein Vogelhäuschen bauen. Oder Englisch lernen. Jetzt! Sofort!

So beginnt meine allnächtliche Runde im Gedankenkarussell. Und glaubt mir: Mit ADHS ist das kein Kinderkarussell. Das ist ein voll ausgestatteter Freizeitpark. Mit Achterbahn, Wildwasserbahn und einem drehenden Teetassen-Fahrgeschäft – alles auf einmal.

🚀 Motivation nach 22 Uhr

Irgendwann – so gegen 22:47 Uhr – trifft mich dann die volle Inspiration. Ich habe DIE Idee.
Ich bin motiviert, energiegeladen, bereit die Welt zu verändern!
Aber... es ist spät. Also sage ich mir: „Morgen. Morgen fang ich an.“

Spoiler: Am nächsten Morgen ist die Motivation verschwunden.
Verflogen.
Weg.
Ich stehe da, mit zerknittertem Gesicht, halb vollem Kaffeebecher und dem Gefühl, dass ich irgendetwas richtig Grossartiges machen wollte... aber was war das noch gleich?

🎢 Warum ist das bei ADHS so?

Wissenschaftlich gesehen ist das Gedankenkarussell kein Zufall. Menschen mit ADHS haben eine oft überaktive Gedankenwelt, insbesondere wenn äussere Reize wegfallen – so wie abends im Bett. Das nennt sich auch „kognitive Hyperaktivität“ oder „overthinking deluxe“.

Unser Gehirn fährt nicht runter, sondern sucht sich neue Beschäftigung. Und die findet es – reichlich.
Außerdem ist unser Dopaminhaushalt beteiligt: Abends, wenn der Tag geschafft ist und keine Aufgaben mehr drücken, kann das Gehirn endlich „frei“ denken – aber auch überdrehen. Und dann wirkt jede Idee wie der neue Sinn des Lebens. Für genau 7 Stunden.

🙃 Und was hilft?

Naja, ganz stoppen lässt sich das Karussell nicht. Aber ich habe ein paar Tricks, die manchmal helfen:

  • 🗒️ Notizblock neben dem Bett – Ich schreibe meine „Mitternachtsideen“ auf. Dann kann ich sie loslassen.

  • 🌙 Rituale vorm Schlafen – z. B. lesen, Hörbuch hören oder meditieren (wenn die Bulldoggen nicht schnarchen).

  • 🧘 Gedanken abholen, nicht bekämpfen – Manchmal hilft es, bewusst zu sagen: „Ja hallo, Gedanke XY, schön dass du da bist. Aber wir schlafen jetzt.“

  • Kein Perfektionismus am Morgen – Wenn die Idee am nächsten Tag noch gut klingt, go for it. Wenn nicht – auch okay. Wir dürfen nicht jede Teetassenfahrt ernst nehmen.


💛 Fazit:

Mit ADHS ist das Leben oft wie ein Jahrmarkt: laut, bunt, schnell – und manchmal eben mitten in der Nacht.
Aber weisst du was? Ich bin mittlerweile ganz gut darin geworden, mitzufahren. Und wenn ich mal rausfliege, stehe ich wieder auf, hole mir eine Zuckerwatte (symbolisch) – und drehe weiter meine Runden.

Denn irgendwo zwischen schlaflosen Ideen und morgendlicher Vergesslichkeit lebt auch etwas sehr Schönes: Kreativität. Neugier. Und ein Herz, das nie stillsteht.

Die Gedanken spielen Karussell


Was, wenn…? – Wenn ADHS und Ängste gemeinsam Karussell fahren

  Ich habe keine Angst vor Monstern unterm Bett. Ich habe Angst vor Zecken. Und vor Flugzeugen. Und vor Autobahnen. Ich habe Angst, dass m...